Youth
In Care - Umfrage - Kurzzusammenfassung
Die
YIC-Umfrage richtete sich via Internet an alle Personen, die im Laufe
ihres Lebens von Fremdunterbringung betroffen waren, beziehungsweise
aktuell betroffen sind.
Anlass zur Umfrage stellten die in der internationalen Jugendkonferenz
"Step by Step - creating future" erarbeiteten Probleme und
der daraus resultierenden Forderungen.
Der Fragebogen orientiert sich dabei an den einzelnen Stadien der
Fremdunterbringung und erfragt jeweils Zugänglichkeit von Information,
Partizipationsmöglichkeit, Alternativangebote beziehungsweise
begleitende Betreuung.
Da die anonyme Umfrage keinen Vergleich mit der aktenmäßig
erfassten Lebensgeschichte zulässt, muss das Ergebnis als subjektiver
Eindruck des Betroffenen angesehen werden, der zwar richtungweisend
für das Erleben der Fremdunterbringung ist, jedoch keinen direkten
Schluss auf einzelne Handlungsschritte der Beteiligten zulässt.
Die Umfrage wurde von 204 Personen beantwortet, wobei 7% im Alter
von 10-20 Jahren sind, von denen nur ein kleiner Teil (unter 18jährige)
aktuell fremduntergebracht ist. Der Großteil der Befragten sind
mit 37% die 21-30jährigen, sowie Erwachsene bis 55.
28% der Befragten gaben einen Wohnort im Bundesland Salzburg an, gefolgt
von 12% Steiermark und 10% Wien. Diese Verteilung dürfte vor
allem mit dem Haupttätigkeitsbereich des Vereines Youth in Care
im Bundesland Salzburg zusammenhängen.
1) Zugänglichkeit
der Informationen für Betroffene (Diagramm)
Darunter subsumiert sich die Information des betroffenen Kindes/
Jugendlichen über die geplanten/ gesetzten Maßnahmen
vor/ während/nach Fremdunterbringung durch außerfamiliäre
Personen, die in die Handlung integriert sind.
Bereits die Eingangsfragestellung "Grund der Fremdunterbringung"
wurde von 29% der Befragten mit "Ich weiß nicht"
beantwortet.
Informationen über die drohende Fremdunterbringung, voraussichtliche
Dauer und Ziel der Fremdunterbringung wird von 24,1% als eher schlecht,
von 55% mit "sehr schlecht" beurteilt. Die Information
über Rechte und Pflichten der Betroffenen wird von 71,25% mit
sehr schlecht beurteilt, während Informationen über erwünschtes
Verhalten von 53,75% mit sehr gut beurteilt werden.
In der Fremdunterbringung wird von 44,11% der Befragten die Information
als eher schlecht eingestuft, wobei sich im Zusammenhang mit dem
Informationsthema große Unterschiede zeigen, gute Information
findet sich bei Themen wie "erwartetes Verhalten", "Drogen
und Sucht" sowie "Pläne für die Ausbildung".
Schlecht informiert fühlten sich die Befragten über "Beratungs-
und Betreuungsangebote", "die Einschätzung der Situation"
von Seiten der Betreuungspersonen, und über die Planung von
Besuchskontakten.
Nach der Fremdunterbringung fühlte sich ein Teil der Betroffenen
gut, ein etwas größerer Teil schlecht informiert, was
darauf schließen lässt, dass der Informationsgrad stark
von den involvierten Personen abhängt.
Insgesamt fühlten sich 43,71 % eher schlecht, 23,69% sehr schlecht,
10,87% durchschnittlich, 9,08% eher gut, und 9,88 sehr gut informiert,
der Rest konnte keine Angaben machen.
2) Möglichkeit der Mitentscheidung und Einflussnahme (Diagramm)
Dieser
Punkt erfasst den Grad der Miteinbeziehung des Betroffenen in wichtige
Entscheidungen, die sein eigenes Leben betreffen, wie die Durchführung
der Fremdunterbringungsmaßnahme, die Art der Fremdbetreuung,
den Ort der Fremdunterbringung, Besuchskontakte zu den leiblichen
Eltern, Erziehungsmaßnahmen (lt. Hilfeplan), Ausbildung, Entscheidungen
am Betreuungsplatz, Wechsel der Betreuungsstelle, Beendung der Fremdunterbringung.
Grundlage für die Möglichkeit zur Mitbestimmung bilden
natürlich Zugänglichkeit notwendiger Information, sowie
das Vorhandensein von Alternativen.
Bei der Gesamtbetrachtung aller Mitbestimmungsmöglichkeiten
geben 24,63% der Befragten an, sehr selten in Entscheidungen eingebunden
worden zu sein, 20,99% fühlen sich durchschnittlich beteiligt
und nur 12,86% fühlen sich gut, beziehungsweise 7,31% sehr
gut eingebunden. Beim Vergleich nach Unterbringungszeitraum (heutigem
Alter) fällt positiv auf, dass das Mitbestimmungslevel in den
letzten Jahrzehnt angestiegen ist.Am
besten berücksichtigt wird die Meinung der Betroffenen bei
der Entscheidung zur Beendung der Jugendwohlfahrtsmaßnahme
(29,9%) , zur Berufsausbildung (11,76%) und zu alltäglichen
Entscheidungen am Betreuungsplatz (11,27%).
3) Einsatz
von Betreuungsalternativen & Ergänzungen
Entsprechend
der Station der Fremdunterbringung wird zwischen Maßnahmen
vor, während und nach der Fremdbetreuung und bei Wechsel des
Betreuungsplatzes unterschieden. Als Betreuungsalternativen &
Ergänzungen werden psychotherapeutische Interventionen, sozialpädagogische
Betreuung, Unterstützung zur Führung des Haushaltes und
Beratung subsumiert.
88,84% der Befragten geben an, vor der Fremdunterbringung keinerlei
Unterstützung bekommen zu haben, immerhin berichten 3,5% eine
Beratung habe stattgefunden.
Im Wechsel von den leiblichen Eltern in die Fremdunterbringung fühlten
sich 63% sehr schlecht, 19,3% eher schlecht betreut, nur 2,45% wurden
therapeutisch betreut oder beraten.
In der Fremdunterbringung fühlten sich 55,88% sehr schlecht,
19,36% eher schlecht betreut, nur 2,94% wurden therapeutisch betreut
oder beraten.
Bei der Rückführung zu den Eltern, gab der Großteil
(54,76%) an, bei diesem Schritt durchschnittlich gut betreut worden
zu sein. Anders bei der Entlassung aus der Fremdunterbringung in
eine eigene Wohnung/ bei Volljährigkeit. Hier berichten 35,51%
der Betroffenen von eher schlechter Betreuung, Nachbetreuung findet
in manchen Fällen gut, in anderen selten bis gar nicht statt.
4) Schutz vor Gewalt und Missbrauch (Diagramm)
Für
die Zeit der Fremdunterbringung (Betreuungsplatz mit längster
Aufenthaltsdauer) wurde die Qualität der sozialen Beziehungen
erhoben. Unter Zeichen der Förderung positiver sozialer Beziehungen
wurden Förderung Elternkontakt, intensive Auseinandersetzung
mit dem Kind/ Jugendlichen, Vertrauen, Zuneigung, Gerechtigkeit,
Respekt, Lob subsumiert. 12,07% gaben an häufig Zeichen pos.
Beziehung erlebt zu haben, 11,1% eher häufig, 17% durchschnittlich
oft, 35% eher selten, 18,38% sehr selten und 3,4% nie.
Als Zeichen negativer sozialer Beziehungen wurden Schimpfen, Schläge,
körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch erfasst.
Am häufigsten wurde mit 64,75% Schimpfen angegeben. Schläge
gab es seltener, aber nur 5,88% der Betroffenen wurde nie geschlagen,
die größte Gruppe mit 37,25% gab häufige Schläge
an.
11,27% wurden nie misshandelt, die größte Gruppe mit
28,92% wurde eher selten misshandelt. Sexueller Missbrauch kam bei
33,8% der Befragten nie vor, 31,86% berichteten, dass es eher selten
zu Übergriffen kam. Immerhin 3,9% wurden häufig, 6,37%
eher häufig Opfer von sexuellen Übergriffen durch Betreuungspersonen.
Zu den gemeinsam mit dem Betroffenen untergebrachten Kindern/ Jugendlichen
kam es eher selten zu Zeichen positiver sozialer Beziehungen (28,1%),
von Schimpfen wurde eher selten (36,76%) berichtet, von Schlägen
eher häufig (37,25%), Misshandlung überwiegend sehr selten
(36,76%). Sexuelle Übergriffe durch die anderen Kinder/ Jugendlichen
werden mit 7,8% sehr häufig , 12,24% eher häufig und bei
60,29% nie, angegeben.
Im Vergleich
der individuellen Lebensgeschichte der Befragten zeigt sich deutlich,
dass es sowohl vorwiegend positive Betreuungsbeziehungen gibt, als
auch Beziehungen, die von Abwertung, Entmündigung körperlicher
Misshandlung bis zu sexuellem Missbrauch geprägt sind. Auffallend
ist, dass zweitere trotz behördlicher Aufsicht sehr stabil
über längeren Zeitraum hinweg bestehen blieben. Positiv
ist zu vermerken, dass sich unter den aktuell fremduntergebrachten
Kindern/ Jugendlichen keine/r befand, der von körperlicher
Misshandlung oder sexuellem Missbrauch berichtet.
Zusammenfassung
Der
Erhalt von wichtigen Informationen und die Möglichkeit zur
Mitbestimmung in Fremdunterbringung wird von den Betroffenen eher
sehr schlecht eingeschätzt. Alternativen oder zusätzliche
Betreuungsmöglichkeiten stehen selten zur Auswahl. Im Längsschnittvergleich
zeigt sich große Divergenz zwischen "idealen" Fremdunterbringungssituationen,
in denen der Betroffene ausreichend informiert wird, altersentsprechend
in Entscheidungen miteinbezogen und bei Bedarf auch zusätzlich
betreut wird und traumatischen Fremdunterbringungssituationen, in
denen die Betroffenen ohne jede Information in Fremdbetreuung verbracht
werden, keine Möglichkeit zur Einflussnahme auf bedeutende
Ereignisse in ihrem Leben und auch keinerlei Ansprechpartner haben.
Die zweite Gruppe beschreibt ein andauerndes Gefühl von Hilflosigkeit
und Ausgeliefert-Sein, auf dessen Basis nur mangelnde Strategien
zum Umgang mit Problemen entwickelt werden können. Den Betroffenen
fehlen auch Strategien zur Abwehr von ungerechtfertigten Angriffen
auf die eigene Person, wodurch sie zum "leichten" Opfer
für erwachsene Täter werden.
Daraus ergeben
sich folgende Forderungen:
" Maßnahmen im Bereich der Fremdunterbringung sind dem
betroffenen Kind/ Jugendlichen in geeigneter, altersgemäßer
Form zur Kenntnis zu bringen. Spätestens als mündiger
Minderjähriger muss der Betroffene die Möglichkeit erhalten,
Einsicht in seine Akten zu nehmen.
" Der/ die betroffene Minderjährige ist analog zum Kindschaftsrecht
Verhandlungen und Entscheidungen, die sein weiteres Leben (Wohnsitz,
Ausbildung, Besuchskontakte) betreffen, einzubinden.
" Die Jugendwohlfahrtsbehörde hat zu garantieren, dass
fremduntergebrachte Kinder/ Jugendliche vor Gewalt und Missbrauch
geschützt werden. Der Kontakt zum Betroffenen muss regelmäßig
und direkt erfolgen. Zusätzlich muss für den Minderjährigen
die Möglichkeit bestehen, sich mit seinen Problemen an eine
neutrale Stelle zu wenden (z.B. Kinder- und Jugendanwaltschaft).
" Dem/ den Betroffenen ist die geeignete Art von Hilfeleistung
zur Verfügung zu stellen, die dem Kindeswohl am besten entspricht.
Zusätzlich muss gewährleistet sein, dass der/ die Betroffene
über seine Rechte altersgemäß informiert wird, und
diese in Anspruch nehmen darf.
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